
Die Wealthspan-Gleichung: Warum ein längeres Leben allein nicht mehr ausreicht
Da die steigende Lebenserwartung die globale Gesundheitslandschaft verändert, stehen die Versicherer vor einer beispiellosen Herausforderung. Die Risiken, die sie einpreisen, werden neu definiert.

Es findet gerade eine stille Revolution in unserer Sichtweise auf Wohlstand statt. Nicht die Art von Wohlstand, die in Schweizer Franken ausgedrückt oder an die Aktienmärkte gekoppelt ist, sondern jene, die sich in Jahren der Vitalität misst – Jahren, die frei von Krankheit, Abhängigkeit und dem langsamen Verlust an Leistungsfähigkeit sind, den wir als Altern normalisiert haben. Das ist die „Wealthspan“: die Lebenszeit, die man tatsächlich genießen kann.
Diese Idee ist vor allem für eine Branche von enormer Bedeutung: jene, die darauf setzt, wie lange Sie leben werden und wie gesund Sie dann sein werden. Lebens- und Krankenversicherer haben schon immer biometrische Risiken einpreist: Sterblichkeit, Morbidität, die versicherungsmathematische Berechnung der menschlichen Gebrechlichkeit. Doch die Rahmenbedingungen, auf denen diese Berechnungen beruhen, verändern sich unter ihren Füßen – angetrieben von Kräften, die keine Tariftabelle aus dem Jahr 2005 hätte vorhersehen können.
Gesundes Altern: Ein Geschenk, das mit einer Rechnung einhergeht
Die Zahlen sind atemberaubend und – je nach Sichtweise – entweder begeisternd oder beunruhigend. Bis 2050 wird sich die Zahl der über 60-Jährigen auf mehr als zwei Milliarden verdoppeln (WHO, 2022). Allein in der Schweiz wird bis zur Mitte des Jahrhunderts jeder Dritte über 65 Jahre alt sein. Damit stellt sich eine grundlegende Frage, die Versicherer beantworten müssen: Was passiert mit dem Risikopool, wenn die Menschen länger leben, aber nicht unbedingt besser?
Die Unterscheidung zwischen Lebensdauer und Gesundheitsdauer, die in der Langlebigkeitsforschung populär wurde und mittlerweile zunehmend im Mittelpunkt der Versicherungsstrategie steht, ist der Kern des Problems. Eine Person, die 90 Jahre alt wird und dabei zehn Jahre lang mit Diabetes, kognitivem Verfall und chronischen Schmerzen zu kämpfen hat, stellt versicherungsmathematisch nicht dasselbe Risiko dar wie jemand, der 85 Jahre alt wird und dabei voll funktionsfähig bleibt. Die These der „Kompression der Morbidität“, die erstmals 1980 von James Fries aufgestellt wurde und nach wie vor heftig diskutiert wird, besagt, dass es möglich ist, Krankheit und Behinderung bis ans Ende des Lebens hinauszuschieben. Wenn sie zutrifft, gewinnen die Versicherer. Wenn nicht – wenn die Langlebigkeit die Krankheitsjahre verlängert, anstatt sie zu komprimieren –, sind die finanziellen Folgen gravierend.
Eine Person, die 90 Jahre alt wird und seit zehn Jahren unter kontrollierten Diabetes leidet, stellt versicherungsmathematisch nicht dasselbe Ereignis dar wie eine Person, die 85 Jahre alt wird und dabei voll funktionsfähig ist.
Die zunehmende Verbreitung nichtübertragbarer Krankheiten
Nichtübertragbare Krankheiten (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, chronische Atemwegserkrankungen) sind mittlerweile für 74 % aller Todesfälle weltweit verantwortlich (WHO, 2023). Das ist nichts Neues. Neu ist jedoch die Beschleunigung dieser Entwicklung. Die Adipositasraten haben sich seit 1975 verdreifacht. Typ-2-Diabetes ist in der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter mittlerweile so weit verbreitet, dass er die Zahl der Anträge auf Erwerbsunfähigkeitsrente, die Kosten für die Langzeitpflege und die versicherungsmathematischen Sterbetafeln, auf die sich Lebensversicherer stützen, grundlegend verändert.
Die gesundheitspolitischen Maßnahmen fielen uneinheitlich aus. Selbst in wohlhabenden Ländern ist die allgemeine Gesundheitsversorgung nach wie vor unvollständig. Die Prävention ist chronisch unterfinanziert und erhält in den OECD-Ländern in der Regel weniger als 3 % der Gesundheitshaushalte, während die Ausgaben für die kurative Versorgung steigen. Für die Versicherer bedeutet dies ein doppeltes Risiko: steigende Schadensfälle in der Gegenwart und ein Defizit an gesunder Lebenserwartung, das sich für die Zukunft in der Bevölkerung aufbaut.
Versicherer müssen Wege finden, die Heilmittel von morgen schon heute zugänglich zu machen, ohne dabei die finanzielle Struktur zu untergraben, die den Versicherungsschutz überhaupt erst ermöglicht.
Wealthspan als strategische Notwendigkeit
Das Konzept der „Wealthspan“ – also der produktiven, lebenswichtigen Jahre, die einem Menschen zur Verfügung stehen – entwickelt sich zu einer übergreifenden Perspektive, in der all diese Kräfte zusammenlaufen. Es verbindet die Epigenetik der beschleunigten Alterung mit den wirtschaftlichen Aspekten chronischer Erkrankungen. Es positioniert Kranken- und Lebensversicherer nicht nur als Risikoträger, sondern als Gestalter eines Systems, das die Jahre, die Menschen tatsächlich leben können, entweder verlängert oder verkürzt.
Die zukunftsorientiertesten Versicherer haben bereits Maßnahmen ergriffen. Anreize zur Prävention, Partnerschaften im Bereich der digitalen Gesundheit, datengestützte Risikoprüfung und das Engagement in der Gesundheitspolitik auf nationaler und multilateraler Ebene sind längst keine reinen Maßnahmen der sozialen Unternehmensverantwortung mehr. Sie sind Risikomanagement. Ein Versicherer, der das biologische Alter seiner Versicherten durch nachhaltige Maßnahmen zur Änderung des Lebensstils auch nur um ein Jahr verschieben kann, hat sein Versicherungsportfolio grundlegend verbessert.
Adrita Bhattacharya-Craven
Leiter der Forschungsabteilung „Trends im Bereich der Bevölkerungsgesundheit“ – The Geneva Association
Das Zusammenspiel der in diesem Beitrag beschriebenen Faktoren (die Neubewertung des Langlebigkeitsrisikos, die biologische Bedeutung von Umweltbelastungen, das Spannungsfeld zwischen medizinischer Innovation und der Finanzierbarkeit von Versicherungsleistungen) ist genau das Gebiet, das Adrita Bhattacharya-Craven zu ihrem Forschungsschwerpunkt gemacht hat. Als Forschungsleiterin für Bevölkerungsgesundheitstrends bei der Geneva Association, dem weltweit führenden Thinktank der Versicherungsbranche, arbeitet sie genau an der Schnittstelle zwischen Epidemiologie und Finanzrisiken.
Ihre Forschung beleuchtet, wie biometrische Risiken – die eigentliche Grundlage von Lebens- und Krankenversicherungen – durch Versäumnisse in der Gesundheitspolitik, die zunehmende Belastung durch nicht übertragbare Krankheiten, das immer schnellere Tempo medizinischer Innovationen und die sich verstärkenden Belastungen durch Klima- und Umweltveränderungen neu gestaltet werden.
Ihre beiden wegweisenden Veröffentlichungen – „Insurance and the Longevity Economy“ und „Insuring Tomorrow’s Cures: Balancing Promises and Practicalities“ – gehören zu den substanziellsten Beiträgen zu dieser Debatte aus der Branche selbst. Die erste untersucht, wie die gestiegene Lebenserwartung die Ökonomie der Risikostreuung und die Gestaltung von Versicherungsschutz verändert. Die zweite befasst sich mit der dringendsten kurzfristigen Herausforderung: der Ausweitung des Versicherungsschutzes auf bahnbrechende Therapien (Gentherapien, Zelltherapien, Onkologie der nächsten Generation), deren Heilungspotenzial nur von ihrem Preis übertroffen wird. Zusammen betrachten sie die „Wealthspan“-Herausforderung nicht als philosophisches Gedankenspiel, sondern als operative Realität, mit der sich die Branche jetzt auseinandersetzen muss.Ihre Karriere, , die sich über zwei Jahrzehnte hinweg bei dem National Health Service in England, der Weltbank, dem Foreign, Commonwealth and Development Office sowie bei KPMG entwickelt hat, verschafft ihr eine einzigartige Perspektive: Sie versteht, wie Gesundheitssysteme finanziert werden, wo sie versagen und was nötig ist, um sektorübergreifende Koalitionen aufzubauen, die tatsächlich in großem Maßstab etwas bewirken können. In einem Bereich, in dem die Kluft zwischen Forschung und Praxis oft enorm ist, schließt Adritas Arbeit diese Lücke.
